Sonnenuntergänge

Wer sagt denn, dass alles immer bunt sein muss? Also von mir abgesehen. Ich mag Farben, aber ich mag auch das Monochrome.

Es ist fast wie im richtigen Leben, was möglicherweise daran liegt, dass es das richtige Leben ist und jegliche Parallele nicht zufällig, sondern einfach nur logisch parallel ist. Wer sich also angewöhnt hat, bei jedem Zufall direkt "Oh" und "Ah" zu rufen, der sollte sich klar machen, dass es Zufall nur bei der Kellertür gibt und alles andere eine ganz ausgeklügeltes Ineinandergreifen von Gleichheiten ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Was das alles mit Sonnenuntergängen zu tun hat? Nichts und alles!

Nichts, weil ein Sonnenuntergang nun mal nicht mehr ist als ein physikalisches Phänomen, in dem wir nach wie vor die Geozentrizität unseres Weltbildes feiern und uns damit der Illusion hingeben, wir seien möglicherweise besonders und einzigartig. Alles, weil ein Sonnenuntergang von der Pracht der Farben lebt und als ich begann analog und damit erstmal überwiegend schwarzweiß zu fotografieren, der Sonnenuntergang für mich Schnee von gestern wurde. Keine Farben, kein Drama, so dachte ich.

Und dann war da dieser Spaziergang an einem der ersten schönen Frühlingstage des Jahres (und ja, es ist schon etwas her, was auch mit dem analogen Fotografieren zu tun hat und damit, dass ich mehr als eine Kamera habe und nicht jeden Tag Entwicklerflüssigkeiten ansetzen möchte). Und die Sonne ging hinter den Wolken und dieser Kohlblüte vom Vorjahr unter. Und ich dachte "Warum nicht?"

Das ist übrigens etwas, was man viel häufiger denken sollte. Warum nicht einfach ausprobieren, was alle anderen abgeschrieben haben.

Vielleicht einen Liebesroman schreiben oder einen (nicht zu hohen) Berg besteigen trotz Rücken und Senkfüßen. Oder vielleicht einen Sonnenuntergang in schwarzweiß knipsen und hoffen, dass diese besondere Stimmung und die seidige Luft mit aufs Bild hüpfen.


Alice

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