Kommt Kunst von Können?


Ich behaupte mal frech, dass jeder diesen einen Kunstlehrer hatte, der mit Bestimmtheit behauptete, dass Kunst ein hohes Können voraussetzt. Er ließ uns hunderte von Bildern malen, an denen er immer etwas auszusetzen hatte. Er mäkelte an Farbauswahl und ungeraden Linien herum, er triezte uns mit Perspektive und Schattenwurf. Am Ende konnten wir ein bisschen mehr Technik. Doch sie nützte uns nichts, weil wir den Zeichenstift in die Ecke warfen und aufgaben. Vergessen waren die unbedarften Stunden, in denen wir am Küchentisch saßen und malten. Vergessen die Kreidebilder auf dem Asphalt, die Fingerfarben an der Fensterscheibe. Geblieben lediglich das Gekritzel, wenn wir in der Warteschleife am Telefon hingen und vor Langeweile nicht mehr wussten, wohin mit den Händen.


Und so wurden wir erwachsen. Schauten uns Bilder großer Künstler an und spürten ein klitzekleines Sehnen nach dem Gestalten. Das Adventsgebastel mit den Kindern, die liebevoll dekorierten Fenster, die komponierten Blumensträuße aus dem eigenen Garten nahmen ein bisschen den Druck. Doch sie reichten nicht.

Allerdings, sagten wir uns, wenn wir mal wieder über einen VHS-Kurs Portraitzeichnen stolperten, dass wir das nicht können. Und dachten an den einen Lehrer, den wir nie zufriedenstellten und bei uns das Gefühl hinterließ, dass nur Perfektes wahre Kunst sei.


Ich könnte hier enden. Denn meistens ist es tatsächlich das Ende.


Manchmal allerdings ist die Fünfjährige noch nicht ganz verschwunden. Und manches Mal denkt sie dann darüber nach, dass es doch ganz schön war, ein weißes Stück Papier mit bunter Farbe zu füllen, ein Lied zu singen, ein Foto zu machen oder mit der Knete kleine Monster zu erschaffen. Und dann ist sie mutig, schnappt sich den Malblock der Kinder und die (meistens grottenschlechten) Buntstifte aus dem Etui des Ältesten, weil der die sowieso nie gebraucht. Und dann malt sie los, die Fünfjährige. Lässt ihre Phantasie wieder auf das unbeschriebene Blatt los und stellt fest, dass es überhaupt nicht weh tut.


Die Gestalten, die sie zeichnet, werden nicht perfekt sein. Aber jede folgende wird ein winziges bisschen besser sein, als die, die sie vorher gezeichnet hat. Und so lernt sie mit jedem Strich, zu dem sie den Mut aufbringen kann.


Gut, ich gebe zu, sie wird kein Picasso werden, auch kein Van Gogh oder Monet. Die Perspektive wird sie immer wieder versemmeln und den Himmel zu blau und die Wolken zu weiß malen. Doch diese Bilder gehören ihr. Sie sind aus Freude am Gestalten, am Erschaffen entstanden und nicht, weil sie "Das Mädchen mit der Taube" kopieren wollte.


In dieser Welt wird so oft auf das Ergebnis geguckt, es wird (gnadenlos) verglichen und verurteilt. Der Blick auf den Prozess wird vermieden. Für den Betrachter ist er auch irrelevant. Leider nehmen zu viele Gestaltende diesen Blickwinkel ein und verreißen ihr Werk, noch bevor es fertig ist. Dabei ist das Erschaffen von etwas Neuem ein rein prozessorientierter Vorgang. Und nur innerhalb dieser Schaffensphase kann gelernt werden.


So wird der, der sich traut, unperfekt zu sein und einfach Freude am Gestalten und Lernen hat, automatisch stetig besser werden. Und selbst, wenn, was wahrscheinlich ist, nie der gewünschte Grad der Perfektion erreicht wird und die Perspektiven immer noch aus dem Ruder laufen, dann findet er sich doch selbst in den eigenen Werken wieder. Und wird - zumindest für ein paar Stunden - wieder das glückliche Kind, das mit den Farbstiften am Küchentisch malte.

Alice

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