Geschichten

Ich schreibe und das sehr gerne. Wahrscheinlich nicht pulitzerpreisverdächtig, doch das ist auch nicht mein Anspruch. Es soll mir Spaß machen und dem Leser.

Sie war traditionsbewusst, das lag in der Familie. Das gute Sonntagsgeschirr, das sorgsam im Schrank der guten Stube verwahrt wurde, die monatlichen Treffen mit ihren Schwestern im Café, immer samstags, immer Café Sonnenschein, immer ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte und dazu ein Kännchen Magenfreundlichen. Sie fuhr dieselbe Automarke, seit sie in der Nachkriegszeit den Führerschein machte und verbrachte ihren Sommerurlaub immer im selben Hotel in den ersten beiden Juliwochen.

Selbst als ihr Mann vor drei Jahren starb, zog sie nicht in Erwägung, mit diesen Gewohnheiten zu brechen. Es ärgerte sie nur, dass seine Beerdigung für eine verspätete Abreise sorgte.

Damals hatten die Kinder sich noch eingeschaltet, bemühten sich, ihr das dicke Auto und das große Haus auszureden, baten sie, sich nicht für die jährliche Fahrt in den Schwarzwald hinter das Steuer zu klemmen. Doch sie war unbeirrbar.

Mittlerweile hatte die Familie aufgegeben, fügte sich in ihren Rhythmus und versuchte ansonsten, sämtliche Reibungspunkte zu vermeiden.

Im Hotel herrschte leichte Aufregung. Im letzten Jahr hatte der Besitzer gewechselt, weil eine nicht nachgeben wollende Krebsgeschwulst dem Leben des vorherigen ein vorzeitiges Ende gesetzt hatte. In seinem Nachlass fand man diverse schlüpfrige Magazine, die rasch in der großen Papiertonne entsorgt, ebenso rasch wieder Einzug hielten bei dem jungen Pagen, der sich seitdem regelmäßig zu kleinen Pausen auf die Mitarbeitertoilette zurückzog. Man fand eine Sammlung erlesener Handtücher, die seit Jahren in der Hochzeitssuite fehlten und über deren kostspieligen Verlust er beinahe täglich gejammert hatte. Und man fand einen Zettel mit Anweisungen, worauf beim Besuch der Dame D. zu achten war.

Die Liste war lang und sehr detailliert. Wer die Dame D. war, wusste jeder im Hotel. Da konnte auch die Abkürzung keinen Datenschutz vorgaukeln. Für den Nachfolger ergab sich aus dieser Liste ein großes Problem.

Nach der Übernahme hatte er sofort eine Reihe der Zimmer renovieren und umbauen lassen. Ein großer Teil der Möbel war vom Sperrmüll abgeholt worden oder wurde der Caritas gespendet. Er wollte es moderner und heller, schmiss die handgeschnitzten Stühle und bemalten Bauernschränke weg, entsorgte die ausgestopften Tiere und gab dem Hotel einen jüngeren und moderneren Anstrich.

Als die Renovierung fast vollständig abgeschlossen war, wandte man sich der Suite des ehemaligen Inhabers zu, die aus Pietätsgründen bis dato unangetastet war. Und da fand man sie. Die Magazine, die Handtücher und die Anweisungen.

Die Dame D. logierte nämlich jedes Jahr im selben Zimmer, bekam spezielle Bettwäsche und den großen Ohrensessel aus dem Kaminzimmer. Nur nichts davon existierte mehr. Das gewünschte Zimmer war zur Etagensauna umgebaut worden, die alte Damastbettwäsche gegen pflegeleichte aus Mikrofaser getauscht und im Kaminzimmer war jetzt ein kleiner aber feiner Schönheitssalon untergebracht, dessen Edelstahlinterieur einen angenehmen Kontrast zu den dunkelrot tapezierten Wänden und der holzgetäfelten Decke bildete.

Der Neue hatte die Vision von einem modernen, jungen Schwarzwald gehabt. Angesiedelt in Todtnauberg am Fuße des Feldberges war sein Hotel ausschließlich von Traditionshäusern umgeben. Um sich dort abzuheben und auch die jüngere Kundschaft zu gewinnen, die sich ansonsten gerne nach Dubai oder die Malediven absetzt.

Eigentlich könnte es ihm egal sein, dachte er während er versteckt neben den Mülltonnen eine Zigarette rauchte. Sollte sich die alte Dame doch eine andere Bleibe suchen, in den übrigen Häusern war noch genug frei. Aber irgendetwas zwickte ihn und hielt ihn davon ab, sie zu kontaktieren und zu bitten, ihren Urlaub in einem der anderen Etablissements zu verbringen, die ihren Wünschen wahrscheinlich mehr gerecht werden würden.

So bemühte er sich, die Unruhe, die ihn befiel, vor den anderen zu verheimlichen, bat die nervösen Zimmermädchen das nette Zimmer in der ersten Etage mit Blick auf den Feldberg vorzubereiten und harrte der Dinge, die da in einer alten, aber sehr gepflegten Mercedeslimousine auf ihn zurollten.

Um es kurz zu machen, es war ein Debakel. Die Dame D. wurde nicht laut, nachdem sie ihre Autoschlüssel dem verdutzten Aushilfskellner in die Hand gedrückt hatte und vor dem neuen neonhellen Hotelschild nur kurz stutzte. Sie näherte sich, nur innerlich um Fassung ringend, der edelstahlglänzenden Rezeption und bat um ihre Zimmerschlüssel.

Der Hotelier eilte auf ein Zeichen hinzu, sprach sie an, erklärte in, wie er meinte, aufschlussgebenden Worten die Situation, bat sie vielmals um Entschuldigung und verwies sie auf das nette, bereits vorbereitete Zimmer in der ersten Etage mit dem wunderschönen Ausblick und die große Mühe, die sie sich gegeben haben, die Einrichtung gemäß ihren Wünschen anzupassen.

Und wirklich hatte er einen Bettbezug aus seinem persönlichen Wäscheschrank zur Verfügung gestellt, seinen alten ledernen Ohrensessel in ihr Zimmer gewuchtet und sogar die Kuckucksuhr seiner Oma, ein Erbstück unschätzbaren ideellen Wertes, dort aufgehangen.

Doch sie weigerte sich, das Zimmer aufzusuchen, es auch nur in Augenschein zu nehmen, um zu überlegen, ob es eine tragbare Alternative wäre. Sie setzte sich mit Leichenbittermiene auf eine zurückgebliebene Sitzgruppe im Foyer, richtete den Blick voller Sehnsucht auf das Gemälde des alten Hoteliers und wartete. Worauf genau, wusste noch nicht einmal sie. Lediglich, dass sie nicht nach Hause fahren konnte, das wusste sie. Und ebenfalls nicht in das falsche Zimmer, auch das war ihr klar.

Der noch recht junge Hotelier verzweifelte. Er konnte sie dort nicht sitzen lassen, zwingen, diesen Raum zu verlassen oder das vorbereitete Zimmer aufzusuchen, konnte er auch nicht. Für einen Moment dachte er an die Polizei, verwarf diesen Gedanken aber rasch wieder, wollte er doch das Aufsehen nicht im Haus haben und überhaupt, wessen sollte er sie anklagen.

Er schickte eine junge Kellnerin vorbei mit Torte und Kaffee, um sie zu versöhnen. Doch sie rührte das Friedensangebot nicht an, wartete halsstarrig auf etwas, das nie kommen würde.

Die Stunden schritten voran, das Personal an der Rezeption wechselte. Die Nachtschicht trat ihren Dienst an. Hotelgäste strömten durch die Eingangshalle, steuerten das Restaurant oder die Zimmer an, brachten einen Duft nach frischer Luft und Wanderung in harzigen Wäldern mit sich. Sie plauderten, erzählten sich ihre Begegnungen, reichten Handys mit Fotos herum, jammerten über schmerzende Waden und mückenzerstochene Arme.

Sie hob nicht einmal den Kopf.

Während draußen die Sonne mit einer gewaltigen Lichtshow hinter den Hügeln unterging, strömten die Gäste in die Bar. Gläser klirrten, Parfumwolken waberten durch den Raum, der Pianist begann zu spielen, die Lichter im Foyer wurden heruntergedreht. Nur an der Rezeption und – auf persönlichen Wunsch des Hoteliers – an ihrem Platz leuchtete eine kleine Tischlampe, warf einen warmen Schein auf die leicht verschossenen altrosa Fauteuils, von denen er sich bei aller Modernisierung nicht trennen konnte.

Ab und an kam er aus der Bar, löste sich aus einem jovialen Gespräch mit einem Hotelgast, selbst Unternehmer und schaute, ob sie noch da war. Ihre Familie war nach wie vor nicht zu erreichen und weder Polizei noch Krankenhaus wollten vorbeikommen. Wenn sie nur dasitze und niemanden störe und ansonsten keinen verwirrten Eindruck mache, dann gäbe es keinen Handlungsbedarf. Er solle weiter versuchen, die Familie zu kontaktieren. Weiterhin werde sie wohl so klug sein, das angebotene Zimmer zu nehmen, wenn sie nur müde genug sei.

War sie aber nicht.

Als es dämmerte, die Putzkolonne mit dem Transporter vor dem Nebeneingang hielt und die Reinigungsfrauen ausspuckte, saß sie immer noch da. Sie zogen große Poliermaschinen aus kleinen Nebenräumen, banden sich die Haare zusammen, suchten passende Steckdosen, füllten Putzeimer mit warmem Wasser und blumig duftendem Allzweckreiniger, bewegten sich routiniert wie die Rädchen einer viel größeren Maschine, eroberten das Foyer, putzend, wischend, saugend und strauchelten bei ihr.

Niemand hatte ihnen gesagt, dass dort noch jemand sitzen würde, niemand sie darauf hingewiesen, dass eine alte Frau stoisch vor einem kalten Kaffee und einem sich langsam bedenklich zur Seite neigenden Stück Sahnetorte sitzen würde.

Sie hörten auf zu putzen, sahen sich nur an und zuckten die Schultern. Der Hotelier kam aus seinem Zimmer, verdrehte leicht die Augen und nahm den Zugführer für einen Moment zur Seite. Leise erklärte er den Sachverhalt, schaute dabei immer wieder zu der alten Dame, zuckte am Ende die Schultern und bat sie für diesen einen Tag die Arbeit unvollendet zu lassen. Es widersprach seinem Ehrgefühl als Hotelier einen Gast dermaßen zu stören, auch wenn sie noch kein Gast war, praktisch noch kein Zimmer bezogen hatte.

Die Putzmenschen räumten zusammen, verließen leise das Hotel durch den Nebeneingang und der Hotelier versuchte zum gefühlt hundertsten Mal, ihre Familie zu erreichen. Da das wieder scheiterte, ging er in die Küche, zog sich einen großen starken Kaffee und bereitete ein Tablett mit einem leichten Frühstück für die alte Dame zu. Sie musste zumindest etwas essen oder trinken.

Leise stellte er den Teller und die Kaffeetasse vor sie auf den Tisch, setzte sich in gebührendem Abstand vor sie hin und betrachtete sie.

Tatsächlich trank sie einen Schluck und nahm auch ein paar Bissen von dem Lachstoast, einer Schwäche von ihr, wie er aus den hinterlassenen Unterlagen wusste. Sie schien tatsächlich ein wenig geschlafen zu haben, anders konnte er es sich nicht erklären, warum sie so ausgeruht und frisch wirkte. Er versuchte es erneut, sprach sie in wohlgesetzten Worten an, erläuterte sein Dilemma und seine Fehlinformation, erklärte sein Handeln, rechtfertigte sich sogar für die Modernisierung und bot ihr erneut das kleine Zimmer an, kostenfrei natürlich und mit allem Luxus, den sie sich denken könnte obendrauf.

Doch sie sah durch ihn hindurch, legte brav die Hände auf den leicht verknitterten Reiserock, streckte den Rücken durch und wartete.

Der Tag verging. Sie aß ein wenig, trank ein wenig, suchte sogar einmal die Damentoilette auf und kam frischer wirkend zurück zu dem kleinen Sessel, auf dem sie offenbar zu bleiben gedachte bis ihr Zimmer endlich fertig sei.

Noch fiel sie den Gästen nicht auf, die erst aus den Zimmern in den Frühstücksraum strömten, um danach gestärkt und laut plaudernd zur nächsten Wanderung aufzubrechen, die neusten Wanderstöcke oder empfehlenswerte Routen diskutierend, mit dem Handy Erinnerungsfotos schießend.

Der Hotelier versorgte sie, telefonierte zwischendurch herum, versuchte doch noch Familie oder vielleicht Freunde von ihr zu erreichen, irgendjemanden, der ihn von ihr erlösen würde oder sie in das Zimmer bringen könnte.

Sie aß, was er ihr vorsetzte, trank auch, so dass er sich zumindest um ihre Gesundheit keine akuten Sorgen machen musste. Krankenhaus und Polizei winkten ab, die Nervenklinik legte sofort auf. Sie hatte für zwei Wochen gebucht und wenn sich nicht rasch eine Lösung abzeichnete, würde sie diese gesamte Zeit in seinem Foyer verbringen, aufrechtsitzend mit ihren zwei kleinen Koffern in Wartestellung.

Er beobachtete sie, wartete heimlich doch auf eine leichte Schwäche, eine Hinfälligkeit, doch sie hielt sich und ihr Umgang nötigte ihm Respekt ab. Am Nachmittag schickte er eine alte Freundin, eine der Sorte, die auch zu einer gemeinsamen Nacht nicht nein sagen, ansonsten aber im Hintergrund bleiben und keine Ansprüche auf Versorgung oder gar Ehe stellen. Sie setzte sich zu ihr, brachte Tee und Kirschtorte mit, goss ihnen beiden ein, stellte sich vor und plauderte ein wenig über das Wetter und den neusten Klatsch. Tatsächlich erreichte sie eine Reaktion. Die alte Dame taute leicht auf, aß das Gebäck mit Genuss, parlierte höflich, doch blockierte vollständig, sobald die Sprache auf das Zimmer oder ihren seltsamen Aufenthalt in der Halle kam.

Sie zog ab, verabschiedete sich höflich und erstattete dem ungeduldig wartenden Hotelier Bericht. Aus ihrer Sicht und das war eine fundierte, arbeitete sie doch als Psychologin, aus ihrer Sicht werde die Alte dort sitzen bis die Zeit verstrichen ist. Sie sei weder dement noch sonst psychisch auffällig, sie sei nur stur und gewohnt, ihren Willen zu bekommen. Sie gab ihm einen Kuss und wünschte ihm lachend gute Nerven für die nächsten zwei Wochen. Wenn er Trost brauche, er wisse ja, wo sie zu finden sei.

 Der Tag verging, die Menschen kamen von ihren Ausflügen zurück und dem einen oder anderen fiel sie inzwischen auf. Sie schauten irritiert auf die Alte, die dort wartete, schüttelten die Köpfe, lachten vielleicht ein bisschen und gingen auf ihre Zimmer.

Dem Hotelier war nicht wohl dabei, als er abends das Licht löschte und dieses Mal nur das an der Rezeption brennen ließ. Doch auch er hatte Rechte in seinem Haus. Der Gast war zwar König, doch er war sich nicht mehr so sicher, ob er sie als Gast betrachten wollte.

Die Putzkolonne, die am nächsten Morgen wieder anrückte, erhielt die Anweisung, um sie herum zu putzen, er schraubte seine Rücksicht auf ein für ihn erträgliches Maß zurück. Etwas später sprachen ihn einige Hotelgäste an und, wie befürchtet, erwarteten sie ein Einschreiten, eine Unterstützung der armen verwirrten Frau. Seine Versicherung, dass ihm die Hände gebunden seien und sie versorgt und die aktuelle Situation ihr eigener Wille sei, taten sie ab, drehten ihm kopfschüttelnd den Rücken zu.

Sie gingen zu ihr, sprachen sie an und erkundigten sich nach ihrem Wohlbefinden. Sie antwortete höflich, scherzte sogar, vermied aber jedes Gespräch über ihre Situation. Sie war eine kluge Frau. Neben ihrer Sturheit war sie außerordentlich gebildet und kultiviert. Sie hatte es sich zu eigen gemacht, zu jedem Thema ein wenig sagen zu können, in ihrer Jugend sogar nächtelang Bücher über Unternehmensführung gewälzt, ein Thema, das sie zutiefst langweilte, um auf Geschäftsessen mit ihrem Mann eine gute Figur zu machen.

Am nächsten Tag besuchten sie die ersten Gäste schon direkt nach dem Frühstück. Sie brachten ihr kleine Delikatessen mit oder luden sie zu Tee und Gebäck ein. Sie wirkte erfreut und auch erstaunlich frisch. Außer einem leicht verknitterten Reiseensemble merkte man ihr nicht an, dass sie seit vier Tagen auf diesem Sessel lebte.

Die Geschichte von ihr machte die Runde. In einem Hotel funktioniert der Flurfunk sehr schnell, die anderen Gäste hatten bald kein anderes Thema mehr, redeten über sie beim Frühstück, auf ihren Wanderungen und sogar abends in der Bar. Und sie besuchten sie. Dauernd fand jemand den Weg zu ihr, setzte sich für ein paar Minuten oder eine halbe Stunde an den kleinen Tisch.

Dem Hotelier gefiel das nicht. Ihn beschlich die unangenehme Ahnung, dass er in diesem Dilemma der Gelackmeierte sei. Wohl bemerkte er die Einsilbigkeit, die ihm von seinen Gästen entgegenschlug, die kalten Schultern, die sich ihm zuwandten. Die Beschwerden über nichtige Kleinigkeiten in den Zimmern häuften sich. Er war der Verantwortliche und die Dame saß auf ihrem verschossenen Sessel und hielt Hof.

Sein Selbstversuch, sich zu trösten und sich klar zu machen, dass ja bereits eine Woche geschafft sei, funktionierte nicht. Sie hatte bereits innerhalb einer Woche seinen gesamten Hotelbetrieb durcheinandergewürfelt, ihn zum Sündenbock gemacht und alle Sympathien von ihm abgezogen. Er mochte sich nicht ausmalen, wie es sich in den nächsten Tagen entwickeln würde.

Mit Grausen beobachtete er das steigende Interesse seiner Kundschaft an diesem ungeschätzten Gast. Als das Gespräch auf einen Vertreter der Presse kam, der ja ein Interview für die lokale Zeitung mit ihr machen könnte, schritt er ein. Er pochte auf sein Hausrecht und verbat sich energisch derartige Veröffentlichungen.

Danach wurde alles anders.

Die Stimmung kippte gegen ihn. Um die alte Dame bildete sich ein Hofstaat, der ihr nicht mehr von der Seite wich. Hin und wieder versuchte er, sich ihr zu nähern, um ihr erneut das Angebot zu unterbreiten. Doch sie blockten ihn ab, hielten ihn von ihr fern. Eine ältere Dame ging sogar so weit und leistete ihr nachts Gesellschaft, schleppte ihr Oberbett und ein Kissen die große Treppe herunter und baute sich ein behelfsmäßiges Bett neben dem Sessel der Alten.

Er verstand nicht, was aus seinem Hotel geworden und noch viel weniger, was seine Rolle in diesem seltsamen Spiel war. Das Foyer war zum zentralen Element des Interesses geworden, Bar und Wellnesslandschaft wurden nur noch sporadisch von Wochenendgästen genutzt, die der Alten noch nicht ins Netz gegangen waren. Er zählte die Stunden, setzte sich dazu gerne in ihr vorbereitetes Zimmer, strich sachte über die Damastbettwäsche auf echten daunengefüllten Oberbetten und setzte sich in seinen gemütlichen Ohrensessel mit Blick auf die Kuckucksuhr. Das Pendel schwang hin und her, während die Tannenzapfen langsam dem Boden entgegensanken. Jede Sekunde brachte ihn dem Ende seines Martyriums näher. Nie vergaß er die Uhr nach seinen Besuchen aufzuziehen.

Noch fünf Tage dachte er an diesem Abend und wusste nicht, wie er diese Zeit überstehen sollte.

Und es eskalierte. Die bösen Blicke, die die Gäste ihm zugeworfen hatten, wurden zu spitzen Bemerkungen, die spitzen Bemerkungen zu kleinen Anremplern. Er fühlte sich nicht mehr wohl in seinem eigenen Haus. Alles hatte er versucht, sein bestes gegeben und doch war er der Schuldige.

Er fühlte sich wie damals, als die Torte zu Großmutters Achtzigsten auf einmal auf dem Küchenboden lag und der Hund die rosaroten Marzipanröschen fraß. Er war gar nicht in der Küche gewesen. Und doch machten seine Eltern ihn verantwortlich, strichen ihm sein Taschengeld und hörten nicht zu, wenn er zu erklären versuchte.

Am nächsten Mittag versammelte sich eine fast religiös anmutende Gruppe um die kleine staubige Sitzgruppe im Foyer. Einige Gäste hatten Stühle herangeholt, andere saßen sogar auf dem Boden und blickten zu ihr auf. Sie thronte dazwischen, lächelte, plauderte und wartete.

Etwas zu früh und etwas zu harsch betätigte er den Mittagsgong. Unwillig standen sie auf, verabschiedeten sich nur vorübergehend und versprachen ihr die besten Stücke vom Büffet mitzubringen.

Als das Foyer leer war, ging er zu ihr. Eigentlich wollte er reden, doch seine Hände fanden automatisch ihren dünnen Hals und drückten zu. Sie wehrte sich nicht, legte nur leicht ihre dünnen Finger auf seine Arme. Ein Zittern, ein Flattern und es war vorbei.

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sie hochhob und auf den messingfarbenen Kofferwagen legte. Das hätte ihr gefallen, er war noch vom Vorbesitzer geblieben, überzeugte durch seine Stabilität und schlichte Eleganz. Noch rasch verstaute er ihre Koffer, dann fuhr er mit dem Lastenaufzug in den Keller.

Zum ersten Mal freute er sich fast darüber, dass dieses Hotel so alt war. Es gab stille Gelasse, die nie ein Mensch betrat und gestampften Boden. Und er allein hatte den Schlüssel.

Im letzten Gang schloss er die widerspenstige letzte Tür auf und schob seine stille Fracht hinein. Mit dem mitgeführten Spaten hob er eine tiefe Grube aus und bettete sie darin. Er war körperliche Arbeit nicht gewohnt und er wollte es hinter sich bringen. Er schwitzte, als er die Tür hinter sich verschloss und mit ihrem Gepäck zum Parkplatz stürzte.

Der alte Mercedes sprang sofort an. Er plante, den Wagen im Wald zu verstecken, kannte ein paar Ecken, wo so schnell niemand suchen würde. Wenn sie ihn irgendwann finden würden, würden sie vielleicht davon ausgehen, dass sie von der Straße abgekommen wäre, den unbrauchbar gewordenen Wagen verlassen und sich in den Tiefen des Schwarzwaldes verirrt hätte. Die Geschichte klang plausibel in seinen Ohren und er gab Gas.

Der Regen der letzten Woche hatte den Boden aufgeweicht und eine Senke am Rand der Kurve war entstanden. Er merkte, wie auf einmal das Steuer verriss, das schwere Auto sich drehte und mit Schwung den Abhang hinunterflog. Noch sah er den Baum auf sich zukommen, übrigens eine wunderschöne Schwarzeiche, da war es vorbei.

Nach dem Mittagessen wunderten sich die Gäste, wo die alte Dame geblieben war. Sie suchten überall, stellten irgendwann fest, dass ihr Wagen vom Parkplatz verschwunden war und vermuteten, dass sie wohl doch genug von ihnen und dem Platz im Foyer hätte. Dass der Hotelier ebenfalls verschwand, trugen sie mit Fassung. Sein Stellvertreter übernahm kommissarisch seinen Posten, die Polizei wurde eingeschaltet, ermittelte und fand nichts und niemanden. Irgendwann schlossen sie die Akte.

Gerüchte machten die Runde, dass die beiden eine heimliche Liebschaft gehabt hätten und trotz des Altersunterschiedes und der angespannten Situation, die sich zehn Tage im Hotel abgespielt hatte, durchgebrannt wären.

Das versöhnte die Gäste, gönnten sie der alten Dame doch diesen Lebensabend. Schon zwei Tage später gingen sie wieder wandern, erklommen den Feldberg, zeigten sich Handyfotos und diskutierten über die Qualität von Wanderschuhen und Kniebundhosen.

Irgendwann wurde der Hotelier für tot erklärt, die Anlage zum Verkauf ausgeschrieben. Ein amerikanischer Investor fand sich, ließ alles, wie es ist und stellte einen jungen dynamischen Abgänger einer renommierten Hotelfachschule ein.

Die Eröffnung war Ende Juni geplant und das Hotel bis auf das letzte Zimmer ausgebucht. Am ersten Juli fuhr die Putzkolonne mit ihrem Transporter vor und spuckte die Reinigungsfrauen vor dem Nebeneingang des Hotels aus. Sie traten ein, schlossen Nebenräume auf, holten Poliermaschinen und Wischtücher, Staubsauger und Flaschen voller Reinigungsmittel. Wie immer begannen sie ihre Arbeit, feudelten sich in einer geschlossenen Linie durch die Eingangshalle und strauchelten bei ihr.

Aufrecht saß sie da, das Reisekostüm nur leicht verknittert, ihre beiden kleinen Koffer ordentlich neben ihr abgestellt und wartete.

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